Definitionen und Klischees

 

Die Definition des Genres „Gay Romance“ - ein Thema, über das ich mich in schöner Regelmäßigkeit aufregen kann. Ich weiß, dass ich mich jetzt weit aus dem Fenster lehne, aber es muss sein. Ich könnte die Diskussionen darüber schlicht ignorieren, aber die Arroganz mancher hochgebildeter, kulturbeflissener Menschen verursacht mir Kopfschmerzen, Kulturausschlag und Hohe-Literatur-Übelkeit und erinnern mich an die Meilensteine klassischer Literatur, durch die ich mich in der Schulzeit quälen musste. Ähnliches gilt für Leute, die mir erzählen wollen, wie DER Schwule aussieht und lebt. Auch wenn sie sich für aufgeschlossen und gut informiert halten, gehen manche mit Scheuklappen durchs Leben, sehen nicht nach links oder rechts.

Nachdem ich lange Zeit etliche Stellungnahmen und Wortmeldungen auf bekannten Gay-Portalen und unter den FB-Threads entsprechender Zeitschriften mit Interesse verfolgt und etliche Bücher mit Gay-Thematik gelesen habe - und wenn ich mir das Leben schwuler Freunde so ansehe -, muss ich feststellen, dass die LGBT-„Community“ nicht so homogen und einig ist, wie das von manchen gerne dargestellt wird. Wie in vielen gesellschaftlichen Gruppen gibt es auch hier mangelnde Solidarität, Vorurteile, Klischeedenken. Traurig, aber wahr. Es wäre schön, wenn einige von ihnen akzeptieren könnten, dass die Welt (auch dieser Teil davon) unglaublich bunt und vielfältig ist. Es gibt eben nicht ausschließlich DEN trendy Schwulen der Szene-Locations in Großstädten, der sich in den Geschichten der „Gay Romance“ meist nicht wiederfindet.

 

Ich gönne jedem Leser die Literatur, die ihm am ehesten zusagt. Lesen ist immer besser als nicht lesen ;-) Jedoch wäre etwas mehr Toleranz und Akzeptanz jener Geschichten schön, die die Liebe thematisieren. Nein, ich bin nicht der nächste Literaturpreisträger, ganz sicher nicht. Meine Geschichten haben (bis jetzt) immer ein Happy End und es kommen auch Gefühle und Liebeserklärungen darin vor (Tschuldigung). Ich kann auch keine 500 Seiten gähnend langweilige Selbstreflexion, alptraumverursachendes Leid, potenzstrotzende Einhand-Literatur oder blutrünstiges Action-Gemetzel fabrizieren … Oops, so klingt Überheblichkeit also andersherum … Nein, andere Autoren können das besser als ich und es gibt großartige Bücher in diesen Bereichen :) In meinen Storys geht es um ein Liebespaar, stimmt, allerdings nicht nur. Es geht auch um Menschen mit Handicap, um Probleme, die nicht allein durch die sexuelle Orientierung verursacht werden. Hin und wieder richte ich das Augenmerk auf ernste Themen – in unterhaltsamer Form mit weniger Worten, oft sind es „nur“ Kurzgeschichten.

Ich gebe zu, es gibt Bücher mit seitenlangen Liebesschwüren, die sogar für mich zu viel sind ;-) Doch auch die finden ihre (z.T. schwulen) Leser. Es fällt schwer, reflexartig verschämt den Mund zu halten, wenn wieder jemand abfällig über die Gay Romance spricht. Wenn man das Gefühl vermittelt bekommt, es sei unwürdig und niveaulos, ein paar Menschen für ein paar Stunden träumen zu lassen. Es nervt einfach ungemein, wenn Bücher, die unter dieser Bezeichnung laufen, immer wieder mit abwertenden Begriffen belegt werden. Das geht so weit, dass man sich ernsthaft fragt, ob man über einen Heiratsantrag oder eine Hochzeit schreiben „darf“ oder ob dann wieder „unrealistische Schmonzette“ gehöhnt wird. Nur – wo kommen die vielen schwulen und lesbischen sich liebenden Paare her, die seit Jahren darum kämpfen, heiraten und Kinder adoptieren zu dürfen?

Fakt ist: Geschmäcker sind so verschieden wie es unterschiedliche Menschen gibt. Wenn man anfängt, jeden Homosexuellen, jeden Hetero, jeden Autoren, jeden Leser, jeden Menschen überhaupt, in Schubladen zu stecken, so wird man irgendwann feststellen, dass diese Schubladen immer kleiner werden und ihre Anzahl immer größer wird, je genauer man hinsieht. Ich schreibe gerne in diesem Genre und werde dies auch weiterhin tun, denn – man höre und staune – ich bekomme Feedback von schwulen Männern, denen gefällt, was ich schreibe, die Ähnliches erlebt haben, sich genau das für ihr Leben wünschen oder den liebevollen Lebenspartner schon gefunden haben.

Wer mag, darf mich nun steinigen, entfreunden, belächeln, was auch immer. An dieser Stelle … nehme ich gegen die Kopfschmerzen ein oder zwei Mir-egal-Aspirin und schreibe weiter romantische Geschichten mit ernsten Zwischentönen über ganz normale Menschen in all ihren Facetten, die es angeblich nicht gibt ^^

 

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Kommentare: 7
  • #1

    Madison Clark (Dienstag, 21 Oktober 2014 01:35)

    Von mir wird keiner gesteinigt, denn ich finde es wirklich toll, dass du mal sagst, was Sache ist ;-)
    Ich schreibe ja selbst auch in dem Genre, wobei ich dabei sehr vielseitig bin. Das Klischee (wie es sich viele vermutlich vorstellen) gibt es doch eh nur in seltenen Fällen, wenn überhaupt. Und je näher eine Geschichte an der Realität ist, desto besser ist sie.
    Besser kann ich es gerade nicht ausdrücken, liegt wohl an der Uhrzeit *grins* ... aber auf jeden Fall finde ich deinen Beirag sehr gut! *Daumen hoch*

    LG Madi

  • #2

    Manu (Dienstag, 21 Oktober 2014 06:30)

    Ich kann Dir nur Beifall zollen. Mich nervt es endlos, dass sich Autoren diesen Genres wie unter einer Lupe gelegt und seziert fühlen müssen. Mir geht es nicht in meinen Kopf, dass wir uns stets und ständig dazu genötigt sehen Rechenschaft abzulegen.
    Danke für Deine Worte.
    LG Manu

  • #3

    Roderick Sween (Dienstag, 21 Oktober 2014 10:28)

    HUHU, tolles Statement zu einer interessanten Diskussion. Meine Meinung ist ja immer noch: ich will in keine Schublade :)
    Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden und das finde ich supergut.

  • #4

    Ich (Dienstag, 21 Oktober 2014 10:30)

    Mir ist es in den letzten Tagen öfter passiert, dass ich mir anhören musste, dass meine Geschichten irreal sind. Dass ich keine Ahnung vom schwulen Leben oder sonst etwas habe. Und warum? Weil meine Protas sich lieben, Kinder adoptieren und heiraten. Dafür wird man verurteilt und warum? Keine Ahnung... Und gerade deshalb finde ich deine Worte so wichtig. Danke dafür!

  • #5

    Chris (Dienstag, 21 Oktober 2014 11:45)


    Bravo, Savannah!

    Wer dich steinigt, entfreundet, belächelt, was auch immer... kann das bei mir dann auch gleich tun. Treffender hätte ich es nicht ausdrücken können. Es gibt viele tolle Kurzgeschichten im Bereich Gay Romance, und gerade DEINE Kurzgeschichten sollte man dann vielleicht doch mal richtig lesen, bevor man irgendwelchen Schmonsens von sich gibt!
    Denn du schreibst Geschichten aus dem Leben, die fast immer ernste Themen aufgreifen. Auf meinem Buchblog habe ich neulich zu einer deiner tollen Stories geschrieben:
    ---------------------
    Savannahs Protagonisten haben oft ein Handicap, ob nun körperlicher oder wie in diesem Fall eher seelischer Natur. Die Autorin greift immer wieder sehr sensibel Themen auf, die trotz der Leichtigkeit ihres Schreibstils zum Nachdenken anregen. Ernste Themen auf eine sehr unterhaltsame und kurzweilig zu lesende Art aufzubereiten, das ist eine von Savannahs Stärken. Das zeigt einmal mehr die Geschichte Selbstrenner.
    ---------------------
    Ich schreibe im gleichen Genre wie du, und bin stolz darauf. Aber au weiah... Ich bin ja noch "schlimmer" als Du. Da habe ich doch tatsächlich zwei Protagonisten heiraten lassen. Wie kann ich nur?!? Öhm... liegt vielleicht daran, dass es im realen Leben so passiert ist. Was sagt man nun dazu? Gibt es nicht...???

    Mit vielen lieben Grüßen
    Chrissy
    P.S.: Ich erwarte dann zusammen mit dir das Steinigen, Entfreunden und Belächeln... Die haben dann wohl nichts Wichtigeres zu tun ;-)

  • #6

    Marina (Dienstag, 21 Oktober 2014 13:31)

    als Leserin (58 Jahre) sage ich nur Danke für Deine Geschichten, an alle anderen für Eure Geschichten.

  • #7

    Schännieh Dunkelstrauch (Dienstag, 21 Oktober 2014 19:58)

    Liebe Savannah,

    darf ich dich auch einfach hoch leben lassen für diesen tollen Text? Denn du hast recht:
    Wir alle sind verschieden! Nicht nur Heterosexuelle,- sondern auch Homosexuelle Menschen. Sogar - oha, wer hätt´s gedacht? - die Bisexuellen und Transgender-Menschen! Und all die anderen, die irgendwo zwischen all dem liegen, auch.
    Wir alle haben unterschiedliche Denkweisen, haben in der Kindheit unterschiedliche Prägungen erhalten, Werte vermittelt bekommen. Jeder hat seine ganz eigenen Probleme und Wege, damit umzugehen. Wir sind alle Individuell. Wie Schneeflocken.
    Niemand ist gleich und das ist auch gut so. Und ich stelle mir gerade den gedanklichen Berg an Schubladen vor ^^ Denn davon gibt es so viele wie Menschen auf der Welt und Schneeflocken im Winter. Ein großer, großer Haufen Schubladen und Schneeflocken.
    Und ich lass dich hoch leben. So. Haste jetzt davon ^^

    Lg Schännieh