Die Axt in Gedanken

Es ist wieder mal so weit: ich hasse und verachte aus tiefstem Herzen. In mir herrscht ein übermächtiges Gefühl vor, das ich an guten Tagen nur bei der „anderen Seite“ verorte. Bei jenen, die keine Liebe, kein Verständnis kennen. Die sämtliche wissenschaftlichen Erkenntnisse ignorieren, blind und voller Inbrunst gegen Bildungspläne, Homosexuelle und ihre Unterstützer Sturm laufen.


Heute las ich bei Facebook über einen Fall, bei dem streng religiöse Eltern ihren eigenen Sohn „umpolen“ wollten. Sie schickten den Zwölfjährigen zu einer Organisation, die sich diese Art „Heilung“ auf die Fahnen geschrieben hat. Acht Jahre später ist er voller Selbstverachtung, drogensüchtig und stirbt elend an einer Überdosis.

 

Was machen solche Berichte mit mir? Ganz spontan treiben sie mir Tränen in die Augen und pumpen mich mit Aggressionen voll. Ich möchte mit der Axt loslaufen und das lieblose Pack umbringen, das sein eigenes Kind in den Tod getrieben hat. Diese Eltern haben ihr Handeln danach bereut und setzen sich heute für andere Kinder und Jugendliche ein, die sich in ähnlichen Situationen befinden. Ich sollte also vernünftig reagieren, zeigen, dass ich ein besserer Mensch bin, der nicht hasst, der vergeben kann. Der intelligent und gebildet genug ist, um zu erkennen, dass der Tod des Jungen nun für viele, viele andere etwas Gutes bringt. Dass er nicht sinnlos war. Auch seine Eltern sind bloß Menschen, die Fehler machen wie wir alle. Es gibt ja für alles Erklärungsversuche und psychologische Begründungen. Nur war ihr Fehler unumkehrbar und besonders grausam.

 

Und nun sitze ich hier und hasse sie aus tiefstem Herzen. Soll ich mich nun selbst verurteilen, weil ich aus dieser Gedankenschleife nicht herauskomme und mich damit auf die gleiche, niedere Stufe begebe? Oder darf ich in Ausnahmefällen ein primitiver Mensch sein, diesen Leuten den Tod wünschen und mir die schrecklichsten Mordszenarien ausdenken?

 

Ehrlich gesagt, habe ich keine Antwort dafür. Vielleicht braucht man das hin und wieder, um das Grauen zu verarbeiten. Um damit leben zu können, dass solche Dinge geschehen und man sie nicht verhindern konnte. Man darf nur die unsichtbare Grenze nicht übertreten und die barbarischen Gedanken in die Tat umsetzen. Diese Eltern und die Vertreter dieser fanatischen Organisation haben erbarmungslos getötet. Ich werde es nicht tun - vielleicht auch aus mangelnder Gelegenheit. Ich werde sie in Gedanken massakrieren und hoffen, dass mein innerer Steinzeitmensch sich bald wieder beruhigt und die Axt ganz tief vergräbt.

Bis zum nächsten Mal.

 

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