IDAHOT 2015

Am 17.05.1990 strich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität von ihrer Liste der psychischen Krankheiten und seit 2005 findet jedes Jahr am 17. Mai der Internationale Tag gegen Homophobie und Transphobie (IDAHOT) statt.

 

Natürlich ist dies ein Tag der Freude. Gleichzeitig jedoch ist es ein Tag der Schande, denn die Zahlen erinnern auch daran, dass der § 175, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte, erst 1994 seine Gültigkeit verlor. Warum, verdammt, hat das so lange gedauert? Sicher, in den letzten Jahren davor wurde der Paragraph so gut wie nicht mehr angewandt, aber er lauerte als Drohung im Hintergrund, vermittelte das Gefühl, es ist illegal, etwas Schmutziges, womit anständige Leute nichts zu tun haben.

 

Ich verbrachte meine Jugend in den Siebzigern und kannte nur wenige Schwule und Bisexuelle. Ich konnte sie an einer Hand abzählen. Lesben oder Transsexuelle gab es in meinem Umkreis gar keine. Oder doch? Gab es vielleicht viel mehr von ihnen allen und man sah sie bloß nicht? An solchen Tagen denke ich immer an ein bestimmtes Geschehnis aus dieser Zeit. Damals stand ich eines Samstagabends an der S-Bahn-Haltestelle und wartete auf den Zug, der mich in die Innenstadt bringen sollte, zu meiner Verabredung in einer Diskothek. Mit mir wartete ein junger Mann in meinem Alter, der im gleichen Stadtviertel wohnte wie ich und den ich vom Sehen kannte. So viele Treffpunkte für Jugendliche gab es in unserer Ecke nicht. Da läuft man sich immer wieder mal über den Weg. Auch wenn man nicht die gleichen Freunde hat, man kennt sich und sagt „Hallo“. Das sagte ich auch an diesem Abend, woraufhin er mich ängstlich ansah und beschwor, bloß niemandem zu erzählen, dass ich ihn „so“ hier antreffe. Da ich schon immer mehr in Gesichter gesehen habe als auf Klamotten, fiel mir erst jetzt dieses „so“ auf: eine schicke Hose, elegante Weste, ein buntes Seidentuch um den Hals, die dunklen Haare glänzten und saßen perfekt. „So“ hatte ich ihn tatsächlich noch nie gesehen. Allerdings lebte ich in einer Großstadt und da gab es viele bunte Vögel. Insofern war sein Aufzug so ungewöhnlich nun auch wieder nícht. Natürlich habe ich Stillschweigen versprochen, obwohl mir damals nicht ganz klar war, über was eigentlich. Für mich sah er einfach nur besonders elegant aus, ein bisschen wie Oscar Wilde.

 

Das Ganze ist jetzt über dreißig Jahre her und seitdem habe ich sehr oft an ihn gedacht. Ich weiß nicht, ob er schwul war, trans- oder bisexuell. Es spielt auch keine Rolle. Seinen Namen habe ich leider vergessen, aber seine Angst nicht. Was muss es bedeuten, seine Jugend in ständiger Furcht vor Entdeckung zu verbringen, aufzuwachsen in einem Klima des Verschweigens, der Intoleranz, mit einem Gesetz im Nacken, das dir vermittelt, dass du unnatürlich bist und was du fühlst, strafbar ist? Das Gesetz ist Geschichte, genau wie die Einstufung der WHO, der kranke Geist dahinter leider nicht. Dazu muss man nicht einmal in andere Länder, zu anderen Kontinenten sehen, wo Menschen für ihre Veranlagung zu Gefängnisstrafen oder sogar zum Tod verurteilt werden. Ein Blick in eine deutsche Zeitung, in die deutsche Politik oder zu den eigenen Nachbarn, Kollegen, Verwandten genügt, dass einem schlecht werden könnte ob so viel Dummheit und Fanatismus, der einige Leute umtreibt.

 

So lange mein Erlebnis in den Siebzigern sich heute auf die gleiche Weise wiederholen könnte, so lange ist der 17. Mai nicht nur ein Tag zum Feiern, sondern auch eine Aufforderung, im Alltag dafür geradezustehen, nicht nur als Betroffener, sondern für alle, die sich ihre Menschlichkeit und ihren Verstand bewahrt haben. Die daran glauben, dass Liebe für jeden gleich ist und jeder die gleichen Rechte hat. Damit hoffentlich irgendwann überall auf der Welt ein Mensch sich schick machen und zu seinem Date fahren kann, ohne Angst haben zu müssen.